Medienberichte ab 2010

Rezension von Prof. Dr. Konrad Hammann, Kirchenhistoriker in Münster

Rezension: Sammelband zur oldenburgischen Kirchengeschichte im 20. Jahrhundert

Quelle: Theologische Literaturzeitung, Heft 6/2015

Der Autor dieses Buches, Reinhard Rittner, war viele Jahre als Pfarrer für theologische Arbeit im Evangelisch-lutherischen Oberkirchenrat Oldenburgs tätig. Mit der vorliegenden Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen ergänzt und vertieft Rittner den Beitrag über die evangelische Kirche im 20. Jahrhundert, den er zu der von Rolf Schäfer herausgegebenen und 2005 in zweiter Auflage erschienenen „Oldenburgischen Kirchengeschichte“ beigesteuert hat. Die in gut zwei Jahrzehnten entstandenen Einzelstudien sind in dem anzuzeigenden Sammelband in chronologischer Reihenfolge ihres ersten Erscheinens angeordnet.

Der Titel des Buches könnte den Eindruck erwecken, als ginge es vornehmlich um personenbezogene Zugänge zur oldenburgischen Kirchengeschichte im 20. Jahrhundert. Dies ist durchaus der Fall. Jedoch zeigt Rittner bereits in seinen einleitenden Bemerkungen (S. 13–18), dass er mit den methodischen Standards der kirchlichen Zeitgeschichtsschreibung bestens vertraut ist. Der personenorientierte Ansatz wird – je nach Thema – mit institutionen-, mentalitäts- und sozialgeschichtlichen Perspektiven verbunden.

Diese Mehrperspektivität bewährt sich exemplarisch an der instruktiven Aufarbeitung des Umgangs mit dem Suizid in der oldenburgischen Kirche zwischen 1860 und 1932. Neben problematischem Dogmatismus wird auch das ernsthafte Bemühen sichtbar, kirchlichem Verkündigungsauftrag sowie humanen, sozialen und seelsorgerlichen Belangen gerecht zu werden (S. 69–95).

Zur großen Theologiegeschichte öffnet Rittner die territoriale Kirchengeschichte mit zwei Beiträgen zu Rudolf Bultmann. Behandelt werden einerseits das Verhältnis zu seinem Schüler Hans Roth und der Entstehungskontext des Vortrags „Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden?“ (S. 97–119), andererseits Bultmanns lebenslange Beziehungen zu seiner oldenburgischen Heimat – von der Freundschaft mit Leonhard Frank bis zur Bultmann-Büste von Michael Mohns in Oldenburg (S. 279–300).

Zwei Beiträge führen in die Zeit des Nationalsozialismus. Rittner zeigt in einer Studie zu Ludwig Müller, später Reichsbischof, wie dessen nationalreligiöses Denken durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs geprägt wurde (S. 215–234). Eine weitere Untersuchung zu „Religion, Kirche und Gesellschaft in der Stadt Oldenburg um 1930“ gibt Einblick in die divergierenden kirchlichen Positionen angesichts wirtschaftlicher Not und politischer Krise (S. 145–166).

Einen Schwerpunkt bildet der sogenannte „Kirchenkampf“ in Oldenburg. Rittner verwendet den Begriff reflektiert und mit Blick auf die lokalen Gegebenheiten. Exemplarisch analysiert er die Auseinandersetzungen in Delmenhorst um Pastor Paul Schipper (S. 19–51) sowie die konfliktreichen Entwicklungen in Rastede (S. 235–254). Weitere Porträts gelten Wilhelm Flor, juristischer Unterstützer der Bekennenden Kirche (S. 121–144), und Hermann Buck, der unter den Bedingungen der NS-Diktatur ein Beispiel kirchlicher Zivilcourage gab (S. 167–194).

Auch die innerkirchliche Aufarbeitung nach 1945 wird kritisch beleuchtet, etwa anhand von Zwangsversetzungen belasteter Pfarrer (S. 53–67) und des Oldenburger „Bischofsstreits“ 1952/53 (S. 195–214).

Der reich bebilderte Band enthält zahlreiche Abbildungen von Akteuren, Kirchengebäuden und zeitgeschichtlichen Dokumenten. Besonders hervorzuheben ist die gemeinsam mit Achim Knöfel verfasste Studie über den Kirchenmaler Hermann Oetken (S. 255–278).

Rittner gelingt es, die lokale Kirchengeschichte Oldenburgs im 20. Jahrhundert im Licht allgemeiner historischer, gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen darzustellen. Seine Kommentierungen sind umsichtig und vom Bemühen um historische Gerechtigkeit getragen.

Der von Rolf Schäfer eingeleitete Band ist benutzerfreundlich gestaltet. Abkürzungsverzeichnis, Abbildungsnachweise, Angaben zu Erstveröffentlichungen sowie Register der Namen, Orte und Sachbegriffe erschließen das Buch in vorbildlicher Weise.