Oldenburger Jahrbuch 2016 – Überraschende Einblicke in Geschichte, Kunst und Archäologie
von Jürgen Herold – Quelle: NWZOnline
Ungewöhnlich? Ja. Denn auf dem Einband des „Oldenburger Jahrbuchs 2016“ prangt diesmal ein von Ludwig Meidner gemaltes Porträt des in Varel geborenen und aufgewachsenen Ferdinand Hardekopf (1876–1954). Als Lyriker, Essayist, Literaturkritiker und Übersetzer von seinen literarischen Zunftgenossen hoch geschätzt, leistete Hardekopf Außergewöhnliches auch als Parlamentsstenograf im Deutschen Reichstag.
Aber wer kennt heute noch Fanny Moran-Olden? Dieses international gefeierte sängerische Ausnahmetalent – eine „Callas aus dem Oldenburger Land“ – machte eine beeindruckende Karriere und unterlag doch den Beschränkungen, denen sich Frauen mit künstlerischen Ambitionen im ausgehenden 19. Jahrhundert gegenübersahen.
Das Jahrbuch überrascht auch in anderen Aufsätzen. So wird von einer weiteren Frau erzählt, deren berufliche und wirtschaftliche Eigenständigkeit für ihre Zeit höchst ungewöhnlich war: von Anna Feilner, der Hoffotografin in Oldenburg.
Abenteuerlich ist der Lebenslauf des 1717 geborenen Friedrich Christian Römer. Als Beamtensohn aus der Wesermarsch trat er früh in niederländische Dienste, machte sein Glück in Südostasien und kehrte als wohlhabender Mann zurück. In Rastede erwarb er jenen Grundbesitz, auf dem später das Rasteder Schloss entstand.
In welche diplomatischen Auseinandersetzungen mit Frankreich und Russland das kleine Oldenburg im Jahr 1803 geriet, zeigt ein weiterer Beitrag über Oldenburg als letztlich wenig erfolgreichen Spieler im Konzert der Großmächte.
Ins Mittelalter führt ein Aufsatz über Steuerakten im Amt Cloppenburg, der verdeutlicht, welchen Problemen bei Datierung und demografischer Auswertung sich Historiker gegenübersehen.
Gleich zweimal ist die Stadt Jever vertreten: Ein Beitrag vermittelt Eindrücke vom revolutionären Potenzial des Jahres 1849, ein anderer behandelt die Auslagerung von Archivmaterial gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und die mühsame Rückführung danach.
Ein weiterer Aufsatz beleuchtet einen Konflikt zwischen dem Delmenhorster Magistrat und der herzoglichen Kammer in Oldenburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts – es ging um die Zuständigkeit für Bauleitplanung. Um Bauplanungen, die nie realisiert wurden, geht es auch in einem Beitrag über „imaginäre Museen“ nahe dem Oldenburger Schloss.
Museumsgeschichtliche Themen finden sich ebenfalls: die Wunderlichkeiten um ein Objekt der Dresdner Kunstkammer, angeblich ein Pendant zum berühmten Oldenburger Wunderhorn; die verschlungenen Wege des Liebermann-Gemäldes „Reiter am Strand“ in die Oldenburger Galerie hinein und aus ihr heraus; sowie ein historisch bedeutsames Koniferen-Herbarium im Landesmuseum Natur und Mensch.
Verschlungene Wege zeigen sich auch in der (Auto-)Biografie des Schöpfers der Idyllen im Oldenburger Schloss, des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein („Goethe-Tischbein“): Zögerlichkeiten des Autors, autorisierte und unautorisierte Eingriffe von Bearbeitern sowie Ergänzungen späterer Herausgeber geben den Editoren bis heute Rätsel auf.
Und schließlich das Zwischenahner Meer: Es gibt, so erfährt man, wesentlich mehr her als nur den berühmten Schlamm. Auch archäologisch höchst Bedeutsames findet sich dort.