Oldenburger Jahrbuch 2016 erschienen – Geschichten über ein seltenes Arzneibuch und die „Callas“ aus der Region
Von Katrin Zempel-Bley – Quelle: Kreiszeitung Wesermarsch (30.11.2016) und Oldenburger Monatszeitung (Dezember 2016)
Das Oldenburger Jahrbuch 2016, herausgegeben vom Oldenburger Landesverein für Geschichte, Natur- und Heimatkunde, ist erschienen. Es enthält zahlreiche Beiträge aus der oldenburgischen Geschichte, Archäologie sowie aus Fauna und Flora.
Bei der Vorstellung des 328 Seiten umfassenden Buches machte der Vorsitzende des Vereins, Reinhard Rittner, darauf aufmerksam, dass das Jahrbuch im Rahmen eines regelmäßigen, weltweiten Schriftenaustausches mit mehr als 300 nationalen und internationalen Einrichtungen verbreitet wird – von den USA bis Russland und von Skandinavien bis Israel.
Jedes Jahr gelingt es Wissenschaftlern, neue regionale Geschichten zu erschließen, die Einblicke in vergangene Lebenswelten ermöglichen. So berichtet Thorsten Jahn über die „Pharmacopoea Pauperum Oldenburgensis“, ein seltenes Arzneibuch aus dem Herzogtum Oldenburg, von dem nur noch fünf Exemplare existieren sollen. Eines davon befindet sich in der Landesbibliothek Oldenburg.
Arzneibuch von 1789
Das 30 Seiten umfassende Werk wurde 1789 bei Gerhard Stalling in Oldenburg gedruckt. Es enthält eine Rezeptsammlung, ergänzt durch handschriftliche Notizen des Landesphysikus Dr. Gerhard Gramberg zu Gefäß- und Arbeitspreisen. Fertige Arzneimittel, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht – Medizin wurde von Hand hergestellt. Vermutlich stammt das Arzneibuch von Dr. Franz Heinrich Kelp, der 1758 von der dänischen Regierung zum Stadt- und Landesphysikus ernannt worden war.
Mit der „Callas aus dem Oldenburger Land“ beschäftigt sich Maria Anna Zumholz. Gemeint ist Fanny Moran-Olden, geborene Tappehorn, die 1855 in Cloppenburg in eine katholische großbürgerliche Arztfamilie geboren wurde. Schon früh zeigte sich ihr musikalisches Talent, doch ihre Eltern versuchten zunächst, sie durch einen Klosteraufenthalt von einer künstlerischen Laufbahn abzubringen.
Frauen seien, so Zumholz, nur dort geduldet gewesen, wo es keine Männer gab. Genau diese Nische fand Fanny Moran-Olden im Operngesang. Mit ihrer außergewöhnlichen Stimme verdrängte sie Kastraten, die zuvor Frauenpartien gesungen hatten. Schließlich unterstützte ihr Vater sie. 1878 trat sie erstmals erfolgreich am Dresdner Hoftheater auf. Gastspiele führten sie unter anderem nach New York (Metropolitan Opera), Prag, Budapest, Amsterdam, London und Russland. 1905 starb sie an einer Gehirnerkrankung.
Hans Sauer widmet sich im Jahrbuch dem 1876 in Varel geborenen Ferdinand Hardekopf – Schriftsteller, Übersetzer, Journalist und Parlamentsstenograf. In seiner Heimat lange unbeachtet, wurde er von Zeitgenossen wie Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Hermann Hesse und Walter Benjamin sehr geschätzt.
In Versailles tätig
Hardekopf veröffentlichte zahlreiche Beiträge in Zeitschriften, übersetzte französische Literatur und arbeitete als Stenograf. Er war 1919 als Verhandlungsstenograf bei den Friedensverhandlungen in Versailles tätig. Inzwischen ist er in Varel wiederentdeckt worden. Der Nimbus Verlag kündigte weitere Veröffentlichungen an. Vermutlich wird die Öffentlichkeit künftig noch mehr über den Mann erfahren, den Ludwig Meidner 1915 in einem berühmten Ölbild porträtierte.