Marianne Birthler stellt am 2. Oktober in Oldenburg ihre Erinnerungen vor
Das Werk trägt den Titel „Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben.“ Die 66-Jährige war bis 2011 Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen.
Von Reinhard Rittner

Autorin und Politikerin: Marianne Birthler
Es ist ein bemerkenswertes Buch einer Politikerin aus der Bürgerbewegung. Sie war zuletzt Nachfolgerin von Joachim Gauck in der Stasi-Unterlagenbehörde. Selten genug passiert, dass ein Unrechtsstaat Archive und Akten öffnen muss, sodass man nachvollziehen kann, was Mitarbeiter der Geheimpolizei gesammelt und womit sie die Bürger drangsaliert haben. Dass die Akten zugänglich wurden, ist ein bleibendes Verdienst der friedlichen Revolution.
Die Sehnsucht nach Freiheit bekam Marianne Birthler, geborene Radtke, im Ost-Berliner Elternhaus eingepflanzt. Dabei war zunächst DDR-Alltag zu bewältigen. Heranwachsende mussten lernen: Was sagt man in der Schule, was nur zu Hause?
Der Schulleiter versuchte, sie mit der Alternative zu nötigen: Junge Gemeinde oder FDJ? Daraufhin trat die 14-Jährige aus der Jugendorganisation aus und fand in der evangelischen Kirche eine zweite Heimat. In der Schullaufbahn blieb das ohne Auswirkung. Unter Lehrern gab es neben Ideologen eben auch solche, die Kreativität gedeihen ließen – kleine Inseln, die den Wunsch nach Selbstständigkeit lebendig erhielten. Marianne Birthler besuchte die Erweiterte Oberschule und legte das Abitur ab.
Später begann sie eine kirchliche Ausbildung. In den 1980er Jahren sammelten sich unter dem Dach der evangelischen Kirche Umweltkreise, Friedensinitiativen und Menschenrechtsgruppen. Die Institution und ihre Amtsträger ließen sie gewähren. Die Bürgerbewegung war nicht groß, aber der Verdruss über Unfreiheit wuchs.
Daraus entstand ein Netzwerk, das mit Kontakttelefon und Vervielfältigungen für Informationsaustausch sorgte. Vor 25 Jahren waren die Bürgerrechtler unentwegt im Einsatz, bis das Wunder von Maueröffnung und Wiedervereinigung geschah. Die Konflikte unserer Tage zeigen, dass es auch gewaltsame Reaktionen hätte geben können.
Das Buch ist eine sehr persönliche Erzählung geworden. Geschildert wird, wie der Körper streikte, als Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) mit seiner Stasi-Verstrickung Loyalität forderte.
Die Konsequenz: Rücktritt als Bildungsministerin in Brandenburg. Anfang der 1990er Jahre brauchten die Grünen eine Sprecherin von Bündnis 90. Doch östliche Lebenserfahrungen blieben ihnen im Fahrwasser einer 68er-Mentalität fremd. So währte diese Tätigkeit nur kurz.
Im Jahr 2000 wurde sie dann vom Bundestag zur Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gewählt, 2006 wurde sie wiedergewählt. Damit konnte eine unangepasste, mutige Persönlichkeit im wiedervereinten Deutschland ihre Erfahrungen einbringen und für politische Kultur in der Gesellschaft sorgen – schön, dass ihr berührendes Erinnerungsbuch „Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben.“ das nachempfinden lässt.
Quelle: NWZ Online