Medienberichte ab 2010

Europa fehlt eine historische Identität

Das Thema: Schlossvortrag

Im Interview: Prof. Dr. Ronald G. Asch

Zur Person: Prof. Dr. Ronald G. Asch ist Historiker in Freiburg und hält am 19. Juni um 20 Uhr im Oldenburger Schloss einen Vortrag zum Thema „Von Mühlberg bis zur Schlacht am Boyne (1547–1690)“. Veranstalter ist der Oldenburger Landesverein für Geschichte, Natur- & Heimatkunde.


Frage: Herr Asch, Sie sprechen am 19. Juni im Schlosssaal in Oldenburg über Religionskriege der Frühen Neuzeit und europäische Identität. Dabei geht es um die historische Herausbildung einer europäischen Identität. Was meint dieser Begriff?

Asch: Wenn man darunter ein festes System von Werten verstehen wollte, wäre der Begriff nicht haltbar, aber es gibt bestimmte Traditionen, die die Entwicklung Europas geprägt haben, auch wenn die Auslegung dieser Traditionen jeweils strittig sein mag. Zu den großen Traditionslinien gehören die Antike, das Christentum und die Aufklärung in ihren unterschiedlichen Ausprägungen.

Frage: Kann man angesichts aktueller politischer Entwicklungen beispielsweise in Großbritannien, Frankreich und Italien überhaupt von einer „europäischen Identität“ sprechen?

Asch: Die Europäische Union (EU) hat bislang auf eine spezifische Geschichtsvision, die über ein bloßes „Nie wieder Krieg“ hinausging, verzichtet. Sie hat, um den Zusammenhalt zu gewährleisten, vor allem auf den behaupteten wirtschaftlichen Erfolg, das europäische Sozialstaatsmodell und die Legitimation durch formale demokratische Verfahren gesetzt. Diese Option hat durch die Eurokrise erheblich an Plausibilität verloren, sodass sich der Blick in der Tat stärker auf andere, inhaltlich prägnantere Identitätsentwürfe richten könnte. Aber vielleicht liegt die Aufgabe eher darin, die unaufhebbare Pluralität Europas zu akzeptieren und mit ihr – nun freilich ohne gewaltsame Konflikte – zu leben, statt sie einer Vereinheitlichung zu opfern.

Frage: Sie stellen die These auf, Europa sei keine Werte-, sondern eine Streitgemeinschaft. Inwiefern prägen uns die historischen Konflikte noch heute?

Asch: Wer sich um eine differenzierte Bewertung des kulturellen Erbes Europas bemüht, wird vor allem feststellen, dass das Europa, wie wir es heute kennen, eben gerade durch den Streit um die Wahrheit konstituiert wurde – das gilt jedenfalls spätestens seit der Konfessionsspaltung. Das Erbe, das man verteidigt, ist also nicht dasjenige einer großen Harmonie, sondern bestenfalls das einer relativen und stets spannungsreichen Einheit im permanenten Streit.


Quelle: NWZonline