Reinhard Rittner ist tief eingetaucht in kirchliches Leben Buch mit zwölf biografischen Studien
Text und Bild von KATRIN ZEMPEL-BLEY

Christen Pastoren Bischöfe in der evangelischen Kirche Oldenburgs im 20. Jahrhundert lautete der Titel des Bandes 28 in der Reihe Oldenburger Forschungen von Reinhard Rittner. Klingt nüchtern, doch tatsächlich verbirgt sich dahinter eine spannende Lektüre.
Reinhard Rittner blickt buchstäblich in einzelne Persönlichkeiten der Evangelisch-Lutherischen Kirche Oldenburg hinein und zeigt auf, wie schmal der Grat zwischen Religion und Politik mitunter sein kann. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Heinrich Tilemann und Wilhelm Flor vor dem Zweiten Weltkrieg sowie Wilhelm Stählin und Hermann Ehlers in der Nachkriegszeit, aber auch Gemeindepastoren wie Paul Schipper in Delmenhorst und Hermann Buck in Oldenburg und Wangerooge. Sie alle mussten sich den Herausforderungen in der Weimarer Republik, in der NS-Diktatur, im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach stellen.
Sehr gute Quellenlage
Wie gingen sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Nazidiktatur und den Verantwortlichen um, reichten die Bemühungen aus? Rittner bewertet das nicht, er versucht Licht in das Dunkel zu
bringen und hat dafür intensive Forschungen in zahlreichen Archiven betrieben und seine Quellen teilweise abgedruckt, was für den Leser äußerst aufschlussreich ist. Die Quellenlage in den
kirchlichen Archiven erwies sich als Ansporn verrät er bei der Buchvorstellung.
Die evangelische Kirche, ihre Repräsentanten und Mitglieder müssen nach einer zeitgemäßen Gestalt suchen, um unter den jeweiligen Lebensbedingungen dienlich zu sein. Dabei gab es Verirrungen wie bei Reichsbischof Müller. Es gab Leitbilder, die an die Alte Kirche oder das 16. Jahrhundert anknüpften, aber die Gegenwart verfehlten, sagt er.
Couragiert gelebt
Es gab aber auch Persönlichkeiten, die den evangelischen Glauben couragiert gelebt haben. Und so finden in Rittners Buch die beiden weltweit bekannten Oldenburger Karl Jaspers und Rudolf Bultmann einen angemessenen Platz. Rittner beleuchtet, wie sie die kirchlich-religiösen Entwicklungen in ihrer Heimat beurteilt haben.
Zwischen Ächtung und Anteilnahme: Der Selbstmord im Spiegel kirchlicher Äußerungen zwischen 1860 und 1932, heißt es in einem Aufsatz, der davon handelt, ob Selbstmörder von einem Pfarrer bestattet werden dürfen oder nicht.
Karl Jaspers Vater Carl hatte sich dazu kritisch geäußert und die Kirche verlassen, weil ein junger Mann, der sich das Leben nahm, nicht vom Pfarrer bestattet wurde. Karl Jaspers hat sich über sein Verhältnis zur Religion in seiner Philosophischen Autobiographie geäußert.
Rittner beleuchtet die Problematik detailliert und zeigt auf, welche Strömungen es in der Kirche seinerzeit gab. So berichtet er von dem Elsflether Pfarrer Carstens, der 1865 vom Oberkirchenrat wissen wollte, ob und wie die Bestattung eines Selbstmörders vorzunehmen sei.
1869 plädierte der Wiefelsteder Organist Borchers dafür, die Versagung der kirchlichen Beerdigung bei Selbstmördern aufzuheben, weil durch das Verbot die Zahl der Selbsttötungen nicht zurückgegangen sei. Kirchenzucht könne soziale Probleme nicht lösen, lautete sein Fazit. Rittner skizziert die Kontroverse zwischen liberalen und konservativen Theologen sehr anschaulich und umfassend.
Kirchenkampf in Rastede
Ferner berichtete er über den Kirchenkampf in Delmenhorst und
Rastede, er schreibt über Ludwig Müller, den Militärpfarrer in Wilhelmshaven und späterer Reichsbischof, beschreibt wie es um Religion, Kirche und Gesellschaft in der Stadt Oldenburg um 1930 bestellt war und stellt den Kirchenmaler Hermann Oetken vor.
Religion und Gesellschaft erscheinen in unterschiedlichen Perspektiven. Einmal muss die Kirche nach dem landesherrlichen Kirchenregiment ihren Platz in einem demokratischen Gemeinwesen finden. Ein anderes Mal muss sie für ihre durch Bekenntnis und Kirchenverfassung bestimmte Existenz kämpfen.
Nach der Katastrophe von Diktatur, Krieg und Holocaust beteiligt sie sich aktiv am Wiederaufbau in Staat und Gesellschaft. Überall lauern Gefährdungen und Irrwege durch Vergangenheitsverklärung, durch Anpassung an die herrschende Ideologie oder durch unrealistische Kirchenkonzepte.
In zwölf biografischen Studien wird die Zeitgeschichte lebendig, um bei der Suche nach der Zukunft die Orientierung zu behalten. Professor Dr. Rolf Schäfer hat zu dem Band ein Geleitwort beigesteuert, Professor Dr. Albrecht Eckhardt war verantwortlicher Redakteur.
Quelle: Kreiszeitung Wesermarsch