Medienberichte ab 2010

Als Gauck die Stadtkirche füllte

Heute vor einem Jahr eroberte der Pastor die Sympathien der Besucher

Joachim Gauck sprach am 9. Februar 2012 in der überfüllten Lambertikirche. Reinhard Rittner, der Vorsitzende des Oldenburger Landesvereins, erinnert sich.

Von Reinhard Rittner

Beeindruckte die vielen Zuhörer in der vollen Lambertikirche: Joachim Gauck sprach dort vor genau einem Jahr auf Einladung des Oldenburger Landesvereins – kurz bevor er erneut als Bundespräsident nominiert wurde.
Bild: Detlef Lubenau


Er war noch nicht Bundespräsident. Die Niederlage zwei Jahre zuvor hatte ihm nicht geschadet. Als begehrter Redner war er landauf, landab unterwegs. Die Einladung des Oldenburger Landesvereins für Geschichte, Natur- und Heimatkunde schien chancenlos. Dabei hat der Mann wirklich etwas zu sagen – aus einer mit Erfahrungen gesättigten Lebensgeschichte.

Der Pastorenberuf öffnete ihm im real existierenden Sozialismus eine Nische. In der kirchlichen Arbeit hatte Gauck das Ohr bei den Menschen und ihren realen Nöten. Sie harrten auf Veränderung. Hoffnung keimte in der Bürgerbewegung Ende 1989. Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ fegten die DDR-Bürger die Tyrannen und ihre Lakaien hinweg. Sie können wahrlich stolz darauf sein.

Gauck ist ein leidenschaftlicher Anwalt für Freiheit und Verantwortung, vor allem für Bürgerrechte und Demokratie. Er hat seither keine Wahl versäumt und durchaus unterschiedlich votiert – ein Wechselwähler.

Karten schnell vergriffen

In Oldenburg waren die Eintrittskarten lange vor dem Besuch vergriffen. Am Abend standen die Menschen vor der Lambertikirche Schlange. Per Handy hatte der Gast aus Berlin einen Zugausfall gemeldet, also wurde es zeitlich eng. Kleiderwechsel, schneller Imbiss. Die Orgel überbrückte mit einem Zwischenspiel.

Dann stand der frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen der ehemaligen DDR am Lesepult – ohne Skript oder Stichworte – und fesselte anderthalb Stunden seine Zuhörer, die es ihm mit stehenden Ovationen dankten.

20 Jahre nach der Wiedervereinigung warb Gauck für seine Landsleute, die einen Epochenbruch bewältigen mussten. Die Wirtschaft war ruiniert, von Wettbewerbsfähigkeit keine Spur. Die Menschen waren bevormundet, bespitzelt, wie Insassen behandelt worden. Aber die Sehnsucht nach Freiheit blieb lebendig.

Selbstbestimmung, Reisefreiheit, Wohlstand wollte man nicht nur im Westfernsehen bestaunen, sondern selbst daran Anteil haben. Ein Wechsel der Mentalität war angesagt. Im Osten musste ein Trainingsrückstand aufgeholt werden. Es galt, im Wechselspiel der Parteien und Programme Hasardeure von verlässlichen Repräsentanten zu unterscheiden. Inzwischen hat unser Land eine Bundeskanzlerin mit DDR-Vergangenheit.

Über dem Oldenburger Auftritt lag eine merkwürdige Spannung. Der Wahlsieger von einst, vorher niedersächsischer Ministerpräsident, kämpfte ums politische Überleben. Das beförderte die Neugier nach dem unterlegenen Kandidaten.

Ohne Scheuklappen

„Wenn etwas nicht stimmt – aufmucken!“, rief Gauck den Oldenburgern zu, die die Akustik bemängelten. Die Beobachtung war richtig, also sprach er deutlicher.

Das Thema lautete in der Diktion von Willy Brandt: „Ist zusammengewachsen, was zusammengehört?“ Das Ziel ist klar, der Weg noch lang, Geduld nötig. Zehn Tage danach wurde der frühere Mecklenburger Pastor erneut nominiert und vier Wochen später zum Bundespräsidenten gewählt.

Er wusste, dass er als Wanderprediger in Sachen Demokratie fortan das diplomatische Protokoll berücksichtigen muss. Doch geht man nicht fehl in der Annahme, dass der zweite DDR-Bürger an der Spitze unseres Staates weiterhin ein Zeitbeobachter ohne Scheuklappen und ein Meister des unabhängigen Wortes bleiben wird.

Quelle: Nordwest-Zeitung, Oldenburg