Erinnerung an Luther von Kirche instrumentalisiert
Von Norbert Wahn
Interview
FRAGE: Herr Professor Lehmann, Sie haben die Lutherjubiläen historisch untersucht. Hat der Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 überhaupt stattgefunden?
LEHMANN: Diese Frage wird seit über 50 Jahren kontrovers diskutiert. Nach allen Belegen, die wir haben, ist es aber in hohem Maße wahrscheinlich, dass Martin Luther die Thesen nicht am 31. Oktober 1517 angeschlagen, sondern per Post an seine kirchlichen Oberen verschickt hat.
FRAGE: Sind Luthers 95 Thesen eine Gründungsurkunde des Protestantismus oder zielten sie auf eine Reform der Kirche?
LEHMANN: Die Thesen zielten eindeutig auf ein spezielles Problem, das Teil einer Reform der Kirche war, nämlich den Versuch, Tetzels Ablasspraxis zu verbieten. Das war 1517 Luthers wichtigstes Anliegen.
FRAGE: Die Reformationsgedächtnisfeiern haben erst im 19. und 20. Jahrhundert an Beliebtheit gewonnen. Welche Motive und Interessen sind damit verknüpft worden?
LEHMANN: Bei diesen Feiern wurde Luther von der nationalen Bewegung als Identifikationsfigur aufgebaut. Gute Deutsche sollten so sein wie Luther. Außerdem gibt es einen Zusammenhang mit dem Prozess der Säkularisierung. Die Erinnerung an Luther wurde instrumentalisiert, um die Rolle der Kirche in der Gegenwart zu stärken oder um kirchenpolitische Positionen zu legitimieren.
FRAGE: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat eine Lutherdekade ausgerufen. Was ist damit beabsichtigt?
LEHMANN: Nach allem, was man über die Lutherdekade weiß, spielten zwei Motive eine Rolle: die Stärkung der Kirche in einer Phase der Entchristlichung in den neuen Bundesländern und die Ankurbelung des Tourismus in den sogenannten „Lutherländern“.
FRAGE: Was vermissen Sie?
LEHMANN: Ich hätte es begrüßt, wenn die Kirchen der ganzen Welt in die Aktivitäten einbezogen worden wären und versucht worden wäre, jene Themen zu erörtern, die einer vorbehaltlosen Würdigung Luthers im Wege stehen, z. B. seine Kritik an Bauern sowie seine Hasstiraden gegen Türken und Juden.
Quelle: Nordwest-Zeitung, Oldenburg