Medienberichte ab 2010

Kreuzzüge keine Rechtfertigung für Breiviks Massenmorde

von Sandra Binkenstein

FRAGE: Das Mittelalter, die finstere Epoche, fasziniert auch heute noch viele Menschen. War die Zeit des Mittelalters tatsächlich grausamer als die heutige?

ALTHOFF: Das ist in der Tat eine bis heute gängige Einschätzung, die uns schon im 16. Jahrhundert begegnet, als man sich von der vorherigen Zeit abgrenzen wollte, und sie deshalb als gewalttätig und finster abqualifizierte. Und natürlich gibt es auch eine Fülle von Ereignissen im Mittelalter, die belegen, dass Menschen gewalttätig und grausam miteinander umgingen. Durch die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts und ihre Völkermorde und Gewaltexzesse ist allerdings der Optimismus geschwunden, dass die Menschheit immer friedfertiger werde.

FRAGE: Sie beschäftigen sich mit Papsttum und Gewalt im Hochmittelalter. Im Neuen Testament wirbt der Mann aus Nazareth für Gewaltverzicht. Wie konnten die Päpste da überhaupt Gewalt als Mittel ihrer Politik rechtfertigen?

ALTHOFF: Die Frage steht im Mittelpunkt des Vortrags. Die Päpste fanden im Alten Testament entscheidende Stützen für ihre neuen Geltungsansprüche, die auch den Einsatz von Gewalt rechtfertigten. Schon ihre Zeitgenossen haben mit den einschlägigen Stellen des Neuen Testaments energisch widersprochen und die Nächsten- und Feindesliebe als wesentliche christliche Botschaft in den Vordergrund gestellt. Durchgedrungen sind sie damit aber nicht, wie die Gewaltanwendung gegen Ungehorsame, Häretiker und Ungläubige deutlich macht, das ist gerade vom 11. bis 13. Jahrhundert zu beobachten.

Schlosssaalvortrag 26. April 2012

Begrüßung durch Torben Koopmann

FRAGE: Der norwegische Massenmörder Breivik versteht sich als ‚neuer Tempelritter’. Kann er sich mit Recht auf die Kreuzzüge berufen? Oder hat er sich in einen absurden Fundamentalismus verrannt?

ALTHOFF: Die wirren Anknüpfungen seiner Ideologie an Kreuzritter und Kreuzzüge spielen in seinem Pamphlet wirklich eine sehr große Rolle. Aber natürlich kann man geschichtliche Vorgänge nicht als Rechtfertigung von Gewalt in unserer Zeit nutzen. Vor dem Hintergrund der furchtbaren Tat stellt sich allerdings die Frage, ob die zuständigen Institutionen in Wissenschaft und Kirchen nicht energischer gegen die Mythisierung der Kreuzzüge hätten vorgehen sollen und sie als Irrwege der christlichen Religion stärker brandmarken sollen. Hier hat man das Feld vielleicht zu lange einer gewaltverherrlichenden Ideologie rechter Wirrköpfe überlassen.

Aussprache (von links) Pfarrer Reinhard Rittner, Prof. Dr. Gerd Althoff

Gerd Althoff, 68, gehört zu den profiliertesten Mittelalterhistorikern. Auf Einladung des Oldenburger Landesvereins spricht er am 26. April im Oldenburger Schlosssaal über Das Papsttum und die Gewalt im Hochmittelalter. Beginn: 20 Uhr.

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